Anne-Katrin Ahrens

OOO

10.Feb – 10.Mar 2013

Niklas Schechinger Fine Art, HAMBURG

  • o o o
    powder-coated aluminium
    ∅ 73 cm, 2013
  • d b o
    powder-coated aluminium
    ∅ 93 cm, 2013
  • b o b o
    powder-coated aluminium
    ∅ 84 cm, 2013
  • a b e
    powder-coated aluminium
    ∅ 86 cm, 2013
  • a a a a
    powder-coated aluminium
    ∅ 75 cm, 2013
  • untitled (1)
    print on Forex,
    45 cm x 29,5 cm,
    2013
  • untitled (5)
    print on Forex,
    45 cm x 29,5 cm,
    2013
  • untitled (7)
    print on Forex,
    45 cm x 29,5 cm,
    2013

 

OOO

Anne-Katrin Ahrens

10.02. – 10.03.2013

Text zur Ausstellung von Hank Schmidt in der Beek

 

Wann immer ich Anne-Katrin Ahrens für eine Tasse Tee, ein Stück Christstollen, eine Handvoll Nüsse oder auch Stärkeres in ihrem Atelier besuche und bei dieser Gelegenheit neugierig schaue, wie sich ihre bunten Punzen-Formen in der Zwischenzeit neu sortiert und frisch zusammengerottet haben, leuchten meine Augen ein ganz ordentliches Stück heller.

Und zwar aus zwei – obwohl beide poetologisch begründet – völlig unterschiedlichen Gründen.

Erstens leuchten sie, wenn ich – mit dem einen Auge immer noch auf Anne-Katrins Arbeitstisch schielend –  mit dem anderen einen Blick auf das unendliche Bücherregal unserer Geschichte der Literatur werfe. Wohin dort genau, ist im Grunde egal, und ihr könnt mir leichterhand folgen, wenn wir zusammen beherzt nach dem Zufallsprinzip ins Regal hineingreifen. Wenn wir nicht gezielt daneben greifen, stoßen wir auf große Werke sehr großer Geister, und wenn unser Griff beherzt genug ist, ziehen wir vielleicht sogar wahre Jahrhundert-Bände aus dem Regal, Moby Dick oder den Zauberberg, deren Verfasser von einer Tüchtigkeit sind, die durch bescheidene Federn wie die unsrigen nicht beschrieben werden können. Männer und Frauen, die sich die Sprache untertan machen, darunter raubeinige Iren wie James Joyce durch dessen Adern dunkles und zähflüssiges Guinness strömt, oder dick-bebrillte Intellektuelle aus New York, die sich wiederum den Ulysses auf einer einzigen Achterbahnfahrt auf Coney Island durchlesen (das stimmt wirklich!), oder ganze Kerle wie Hemingway, zu dessen Freunden Nashornjäger zählen, die weder Tod noch Teufel fürchten. Toll!

Aber auch rau und brutal:

Oben werden all diese Werke und ihre Schöpfer gefeiert, und unten – wenn man nur genau genug hinsieht – knechtet sich das Heer der einzelnen Wörter, die zu Tausenden und Abertausenden unsere umjubelte Weltliteratur ohne Murren und Klagen auf ihren Schülterchen tragen, ohne eine Aussicht auf Ehre und Dank oder Belohnung. Wer soll’s ihnen auch danken? Wer soll sich denn auch kümmern? – Es leuchtet ja wirklich sehr leicht ein, dass Männer, die mit Nashornjägern rumhängen kein Gespür für die Sorgen der kleinen Wörter haben, sondern sie ohne Rücksicht auf Verluste für die sagenhaften Schilderungen ihrer Abenteuer einspannen.

Greifen wir aber noch etwas tiefer ins Regal, ist es gar nicht mal ausgeschlossen, dass wir auf solchene stoßen, die eben genau diesen Blick für das Schicksal der Wörter haben und sich ihrer annehmen: scharfäugige und sensible Poeten, Dadaisten, waghalsige Textakrobaten und emsige Sprachzerschnippeler, die für das Recht der einzelnen Wörter eintreten, sie aus den schweren Schinken befreien und sie in wunderbaren Gedichten hochleben lassen. Kostbarer als Ordnung und Verständlichkeit, sind ihnen ihre Weggefährten, ihre schrillen Kostüme und natürlich die Freiheit der Wörter, und unermüdlich schwenken sie ihre herrlichen Fahnen aus der Ecke der Komik- und Nonsense-Lyrik heraus, in der man sie gut aufgeräumt glaubt.

Und noch tiefer im Regal, noch ein kleines Stück hinter den Kanzleien der Anwälte der Wörter, stoßen wir schließlich auf welche, die noch schärfer hinsehen, und sich der gerechten Sache der ganz Kleinen annehmen: der der Buchstaben. Als Dichter der Konkreten Poesie, Lettristen, Schreibmaschinen-Spieler und Punks bauen sie den Buchstaben warme Herbergen in Form von Typogrammen, abstrakten Gedichten und Konstellationen, wo nun letztlich auch noch die Herrschaft des Wortes und des orthographischen Zwecks abgeschafft ist, wo sie nichts erfüllen müssen außer sich zu feiern und sich zu freuen was und wie sie sind. In Friedrich Achleitners o-i-Studie etwa dürfen zehn Schreibmaschinenseiten lang die o’s mit den i’s spielen, ohne dass jemand aufpasst und mit dem Zeigefinger mahnt. In Ernst Jandls Gedicht dER RITTER (EIn woRT adElT sEInE buchsTabEn) sind die E’s, die R’s, die I’s und die T’s für einen Tag die ganz Großen im Alphabet, und in Eugen Gomringers lieb(   )leib dürfen sogar einmal die Klammern zeigen, was sie können.

Und in einer Welt, in der es einen – wenn auch schmalen – Bereich für die ganz Kleinen gibt, wird es wohl auch ein gerechtes Land für die ganz ganz Kleinen geben: diejenigen wackeren Kerlchen, ohne die wiederum die Buchstaben nichts wären als ein Haufen wirrer Tunichtgüter, nämlich die kleinen Bestandteilchen der Buchstaben: die Aufstriche, Abstriche, Serifen, Tröpfchen, Pünktchen und Punzen.

Greifen wir also nach ganz hinten ins Regal, wo wir ihren Kosmos vermuten!

Jedoch: Nüschte! Wir greifen ins Leere!

Wenn wir mit ganz viel Geschick fingern, finden wir vielleicht hier oder da einen verstaubten Typo-Ratgeber, mit Beispielen darin, was man einem i-Pünktchen so alles als Narrenkappe aufsetzen kann, und wie man kleine Wanderstiefelchen oder knallrote Tanzmariechen-Schühchen an nackte Serifen schnürt. Aber das ist nicht das wonach wir suchen, denn erstens geht es da selbst bei dem noch so wundersam angepinselten Pünktchen oder Strichchen nicht um das Pünktchen oder Strichchen selbst, sondern um das Aufpeppen des Buchstabens und letztlich des Wortes im Sinne der Steigerung seiner Marktfähigkeit, und zweitens wollen wir unsere kleinen Helden ja nicht als Billigkräfte in der Werbe-Branche sehen, sondern sie in der Lyrik und der Kunst gewürdigt wissen.

Stattdessen aber ist ihre Lage schlimmer als gedacht:

In Teilen der kyrillisch-schreibenden Welt wehen dieser Tage sogar schon eisige und lebensbedrohliche Winde um die ë-Pünktchen, die Jahrhunderte lang ihre ihnen angetraute Aufgabe gewissenhaft erfüllt haben und aus dem [je] ein [jo] gemacht haben und als klitzekleine Rädchen Werken wie Schuld und Sühne, Krieg und Frieden und Anna Karenina zu Weltruhm verholfen haben, und die nun als Dank dafür den jungen und modernen Russen lästig geworden sind.

Doch am allerschlimmsten von all diesen ganz ganz Kleinen ist es zweifelsohne um die letztgenannten bestellt: um die Punzen – die Innen- und Zwischenräume – scheinbar existenzlos, aber doch Grundsubstanz fast eines jeden Buchstabens.

Ihr Los ist das der Nichtse und Abfälle.

Schablonen-Sprüher verfluchen sie, weil sie ihnen ihr Leben verkomplizieren, und wer sonst noch Buchstaben ausstanzt oder ausschneidet, wirft die Punzen weg und verbrennt sie.

Im Zeitalter der Schreibmaschine verdreckten die Punzen, verklebten den Text und mussten mit Typen-Reinigern geputzt werden – immerhin eine Form von Aufmerksamkeit und Pflege…

Und während ich mir solche trüben Gedanken mache und meine Hand schon längst wieder resigniert aus dem Bücherregal herausgezogen habe und gar nicht mehr so recht weiterfischen möchte, zeigt sich doch wieder, dass Rio Reiser, Hoffnungsspender und Sprachrohr der Kleinen und gewaltsam Geschwächten recht behält und der Tag tatsächlich am nächsten ist, wenn die Nacht am tiefsten, und ich bin wieder dort angekommen, wo unsere Geschichte angefangen hat:

In Anne-Katrins Atelier, beim Stück Christstollen und bei all den Punzen, die hier nicht verbrannt, sondern geliebt und genährt werden, und die sich nun seit einiger Zeit für ihre Reise nach Hamburg rüsten.

Unter der sicheren Führung ihres erfahrenen Rovers Anne-Katrin-Ahrens fassen sich die Punzen-Wölflinge an den Händen und gruppieren sich zu kleine Banden, neugierig, was sie in der fernen, aber viel verheißenden Welt der Kunst erwarten wird.

Alles Gute auf Eurem Weg, liebe Punzen!!

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich jedenfalls freue mich mit ihnen und weiß gleichzeitig, dass sie beim Niklas ein wunderbares und sicheres Dach über ihren Köpfchen finden werden, und ebenso weiß ich, dass wir ihnen einen gebührenden Empfang bereiten werden.

Das ist der eine Grund, warum meine Augen leuchten.

Der andere Grund ist ein ganz persönlicher, und mancher mag sagen, dass er jetzt langsam genug gelesen hat, und das Folgende gar nicht so wirklich hierher gehört. Aber er irrt sich.

Anne-Katrins Punzen-Werkstatt ist nicht nur der Acker ihrer eigenen Poesie, sondern half auch der meinigen über eine Krise hinweg, die ansonsten fast hätte bedrohlich werden können.

Seit nunmehr einem halben Jahrzehnt arbeite ich in regelmäßigen Abständen an meinem lyrischen Hauptwerk, dem Lunsen-Ring, einem komplexen Gedichte-Zyklus über denjenigen Bereich des Tuns, der zwischen bzw. außerhalb des Machens und Waltens liegt, konkret nämlich eine Hommage an das Ausruhen, den Schlaf und das Bett.

Der semantische Dreh- und Angelpunkt, Namenspatron und vor allem zentraler und immer wiederkehrender Reim dieses Zyklusses ist die Luns (= das Bett),  ein Lehnwort aus der Jenischen Sprache, einem Rotwelsch-Soziolekt des fahrenden Volkes.

Und an einem Punkt, an dem ich endgültig jegliche Reim-Ressourcen ausgeschöpft glaubte und ich mein Werk als abgeschlossen erklären wollte, lernte ich von Anne-Katrin den Begriff und die Welt der Punzen kennen, und mein Lunsen-Karren war wiedermal aus dem Sack gefahren.

An dieser Stelle also noch mein aktuelles Gedicht Mitternacht am Blücherplatz (quasi das oben Geschriebene noch einmal in Versform):

 

Mitternacht am Blücherplatz

Wenn im Lesesaal die Uhren
Zur Gespensterstunde blasen
Dann heißt’s für die Littraturen:
Spukend durch die Gänge rasen!

Dann hüpft alles aus den Büchern,
Was nicht niet- und nagelfest
Hinter weißen Geister-Tüchern
Raus aus Satz- und Wort-Geäst.

Schaurig-gespenstisch geht es zu
Auf der mitternächtlichen Feier:
Ein Komma tanzt mit einem Q
Zwei Apostrophe drehen die Leier.

Drei O’s fassen sich an ihre Hände
Und formen ein neues Vokalgebilde,
Und hinten singt eine Umlaut-Kurrende
Aus vollen Kehlen „Walzing Matilde“.

Die i-Tupfen stampfen dazu einen Takt,
Die Leerzeichen rollen ein Schnaps-Fass herein
Wen da keine Laune zum Mitmachen packt,
Das kann kein geselliger Buchstabe sein.

Doch nicht mehr lange, dann schlägt es Eins
Dann ist hier drin wieder alles normal,
Das Ende des heimlichen Stelldicheins –
Und ab mit Euch – zurück ins Regal!

Denn nun ist die Zeit, wo die Müdigkeit
Alle Vokale und Konsonanten
Jedes Tüpfchen, alleine oder zu zweit,
Alle Buchstaben-Kurven und -Kanten

Die spitzen Akzente und kleinen Serifen,
Jedes & und jeden Doppelpunkt
Letzlich doch in einen tiefen
Schlummer der Gerechten tunkt.

Die spukende Schar legt sich zur Ruh:
Strich um Strich und Punz’ um Punz’
Drückt’s nach fleißigem Hui-Buh
Hundemüde in die Luns.

 

Hank Schmidt in der Beek