Hank Schmidt in der Beek

Ein bisschen Frieden

10.Mai – 8.Juni 2013

Niklas Schechinger Fine Art

Review auf gallerytalk.net

  • Ein Typ Wie Ich/Ein Girl Wie Du
    acrylic on canvas
    150 cm x 100 cm + flags
    2013
  • Walk And Talk Like A Chicken And A Bear
    acrylic on canvas
    165 cm x 165 cm
    2013
  • Keep Calm, Babylon Shall Phalle
    (The Eternal Boozer Pompidou)
    acrylic on canvas
    170 cm x 110 cm
    2013
    +
    Althea & Donna
    acrylic on canvas
    each 70 cm x 70 cm
    2013
  • Snap, Crackle and Roots
    acrylic on canvas
    250 cm x 210 cm
    2013
  • Ein Bisschen Liebe (is all we bring)
    acrylic on canvas
    165 cm x 165 cm
    2013
    +
    Dave & Ansel Collins
    (Double Barrel)
    acrylic on canvas
    each 70 cm x 70 cm
    2013
  • detail "Reggae-Mate"
  • Reggae-Mate
    (with Lisa Herfeldt, Sarah Bohn, Anne-Katrin Ahrens)
    wood sticks, copper nails
    approx.140 cm x 120 cm x 140 cm
    2013
  • Dillinger
    acrylic on canvas
    118 cm x 70 cm
    2013
    +
    Ein Bisschen Frieden (is all I bring)
    acrylic on canvas
    180 cm x 180 cm
    2013
  • Crown! Crown! Crown!
    acrylic on canvas
    138 cm x 150 cm
    2013
  • invitation

Hank Schmidt in der Beek zur Ausstellung:

1982 gewann Nicole mit einem bis heute ungebrochenen Punktedurchschnitt-Rekord den Eurovision Song Contest im nordenglischen Kurort Harrogate.
Sie singt:

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
Für diese Erde, auf der wir wohnen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,
Ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir.

Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel,
Ich bin nur ein Mädchen, das singt, was es fühlt.

Diese Verse im Ohr könnte die Betrachtung meiner EIN BISSCHEN FRIEDEN-Bilder tatsächlich den Vergleich nahelegen: Hank Schmidt in der Beek – der Nicole der Malerei.

Andererseits dürfen wir aber nicht außer Acht lassen, dass das, was der Fließband-Schlager-Texter Bernd Meinunger da für die Nicole geschrieben hat, ein Missverständnis ist, wie es katastrophaler nicht sein könnte:
Dass trotz Nicoles Rekord-Sieg in Harrogate auf dieser Erde, auf der wir wohnen, noch immer ein spektakulärer Mangel an einem bisschen Frieden herrscht, liegt an allem anderen als daran, dass die Nicole nur ein Mädchen ist, das singt was es fühlt.
Und selbst wenn Nicoles Lieder tatsächlich nicht viel ändern, woher sollte dies ausgerechnet das Mädchen selbst wissen, und was wäre die Schlussfolgerung aus diesem fatalen Wissen?
Jedenfalls nicht, was Meinunger und sein Kollege Ralf Siegel das Mädchen im letzten Part seines Songs aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft singen lassen:

Sing mit mir ein kleines Lied,
Dass die Welt im Frieden lebt!
Sing mit mir ein kleines Lied,
Dass die Welt im Frieden lebt!

Diese vier Zeilen sind kein Missverständnis, und mit ihnen kommen wir auch meinen Bildern noch ein bisschen näher. Ob diese am Ende des Tages viel ändern werden oder wenig, das weiß der Junge, der sie malt zum Glück nicht.
Mein Vertrauen in sie ist aber grenzenlos. Das möchte ich am Beispiel des Gemäldes Walk and talk like a Chicken and Bear in knapper Form schildern:

2009 zogen Michelle und Barack Obama ins Weiße Haus ein, und mit ihnen eine vergleichsweise wirklich frische Kunst-Auswahl: Die Cowboy- und Kakteen-Bilder, die sich George W. Bush für seine Wände ausgesucht hatte, wichen den Werken abstrakter Meister und Pop-Art-Pionieren und dem Watusi, einem Gemälde der afro-amerikanischen Künstlerin Alma Thomas.
Hierzulande berichteten damals die Kunstmagazine über den Watusi als „großformatiges Gemälde mit farbsatten, unregelmässigen Mustern“[1], ohne jedoch zu erkennen, dass diese Muster alles andere als unregelmässig sind, sondern vielmehr die liebe- und mühevoll nachgepinselten Scherenschnitt-Formen eines der bekanntesten Werke Henri Matisses, nämlich des Snail.
Ich sah mich in Sorge, dass ich womöglich der Einzige sei, der Augen und Verstand genug hat, um im Watusi den Snail zu erkennen und schrieb dem amerikanischen Präsidenten-Ehepaar eilig einen 13seitigen offenen Brief[2], in dem ich ihnen die Hintergründe des Bildes erklärte. Quintessenz meines Schreibens waren aufrichtige Glückwünsche zu einem wirklich scharfsinnigen Schlüsselbild der modernen Kunstgeschichte in der Obama’schen Kunstsammlung.

Der Brief blieb zwar augenscheinlich unerhört, aber kurze Zeit später kam man dann schließlich auch in den USA dahinter, dass die Watusi-Muster so unregelmässig doch nicht sind: Findige Republikaner machten aus Alma Thomas’ offensichtlicher Matisse-Hommage kurzerhand ein schmutziges Matisse-Plagiat und auf den neuen Präsidenten des Landes, dessen größter Beitrag zur Kunstgeschichte seine sog. Appropriation-Art ist, wurde so viel Druck ausgeübt, dass der Watusi schließlich wieder aus dem Weißen Haus verschwand.

Und wieder sah ich mich in Sorge, aber diesmal in weitaus größerer: Wo die Freiheit und Schönheit der Kunst von politischen Lagerkämpfen mit Füßen getreten wird und der sog. mächtigste Mann der Welt seinen Kunstgeschmack rechtfertigen muss und letztlich klein bei gibt, da hat der Spaß ein Loch!

Dass Alma Thomas’ Watusi nicht der geringsten Rechtfertigung bedarf – und am allerwenigsten der kleinbürgerlichen Rechtfertigung durch den an sich überflüssigen Begriff der „Appropiation-Art“ – weiß jeder, der in seinem Leben schon einmal Musik gehört hat.
Und jeder, der in seinem Leben schon einmal Reggae gehört hat (also ich), weiß es am besten:
Denn in kaum einer anderen Musik ist das Kreieren auf Grundlage eines bereits bestehenden Werkes, und sogar das, was man anderswo als Plagiieren bezeichnet, so selbstverständlich und so außerhalb jeglicher Rechtfertigungsnotlage wie im Reggae (der Begriff „Reggae“ kann in diesem Zusammenhang ausnahmsweise stellvertretend für die jamaikanische Musik im Allgemeinen verstanden werden: vom Mento – der ersten jamaikanischen Popmusik – über den Ska und Rocksteady der 60er Jahre, über Reggae und Dub bis hin zu Dancehall und Ragga).

Das ist – zumindest so in etwa – einer der Hintergründe von meinem Gemälde Walk and talk like a Chicken and Bear, das wir am 9. Mai unter anderen vorstellen werden:
Eine dritte Snail-Version, diesmal nicht als Wah-Watusi (einem beliebten Tanz, der modern war, als Alma Thomas ihre Snail-Version gemalt hat), sondern als heute aktueller Reggae-Tanz – eine Erklärung meiner Solidarität mit jeglicher Art von geknechteter Kunst, und der Versuch einer Wiedergutmachung. Wir wissen nicht, wo der Watusi mittlerweile gelandet ist, und wahrscheinlich hat ihn das Weiße Haus ohnehin nicht verdient – zumindest symbolisch hängt er jetzt jedenfalls hier im Schutz der Galerie Niklas Schechinger Fine Art, wo er weitaus anständiger behandelt wird.
Meine Farbpalette ist kleiner als Almas, aber in meinem Walk and talk like a Chicken and Bear steckt dieselbe Liebe und dieselbe Mühe wie im Watusi – und derselbe Riddim: The Snail.
Und – Snail hin, Watusi her – darüber hinaus ist der Walk and talk like a Chicken and Bear natürlich ein Tribut an den Reggae.

Könnte ich übrigens beweisen, dass es auf dieser Erde, auf der wir wohnen, ein bisschen mehr Frieden geben würde, wenn Peter Tosh[3] Bernd Meinungers Song-Text lektoriert hätte und nicht Ralf Siegel Nicoles Nummer 1-Hit produziert hätte, sondern Lee „Scratch“ Perry, der Salvador Dalí des Dub, dann würde ich es tun.
Kann ich aber nicht. Aber vermuten.

[1] MONOPOL, Juli-Ausgabe 2009
[2] veröffentlicht in MEISE Nr. 7
[3] „ Everyone is crying out for peace yes / None is crying out for justice / I don’t want no peace / I need equal
rights and justice / Got to get it / Equal rights and justice“ (Peter Tosh, Equal Rights)