Dennis Loesch

Gradient

22. Juni – 26. Juli 2013

Niklas Schechinger Fine Art, Hamburg

  • Gradient Type II
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • Magenta to Cyan
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • Yellow to Gray (Opel)
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • Cyan to Yellow
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • Gradient Type III (Die Neunzehnhundertsiebziger Jahre)
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • Gradient Type I
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • Yellow to Magenta (Sunkist)
    180 x 150 x 5 cm
    inkjet prints on aluminium
    2013
  • A Peter
    180 x 150 cm
    acrylic and pigments on canvas
    2013
  • A Lois
    180 x 150 cm
    acrylic and pigments on canvas
    2013
  • A Brian
    180 x 150 cm
    acrylic and pigments on canvas
    2013

Dennis Loesch
GRADIENT

22.06. – 26.07.2013

Text von Thomas Schroeren

 

Der Impressionismus war die Aufforderung ans Publikum die Schönheit, welche der Welt innewohnt, zu sehen. Und das trotz einiger Einwürfe und wichtiger Änderungen seitens der Industriellen Revolution und ihrer damals noch größtenteils unbedachten Auswirkungen. Das Leben nach den Errungenschaften des Jahres 1789 war im Grunde immer noch einfach und schön, aber noch genauso im Feudalismus verankert – bis heute. Im Zuge der Technisierung des 19. Jahrhunderts veränderte sich die westliche bildende Kunst mehr und mehr zu dem, was die Bevölkerung heute als Moderne versteht. Auswüchse wie: “…und das soll Kunst sein!?” sind Äußerungen moderner Gesellschaften gegenüber ihrer in rascher Metamorphose begriffenen Spiritualität.

 

Während früher Inhalte zur ritualisierten Verfügung standen, rückte der Träger selbst sowie das Interpretationspotenzial der Inhalte mehr und mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit, weil die Rezipienten sich mehr und mehr fragten, was mit dem Künstler selbst womöglich nicht stimmen müsse oder könne, um auf so abgefahrene Ideen kommen zu können. Und seitdem jeder seine Meinung zu allem und zu jeder Zeit verbreiten kann, hat das Potenzial des Künstlers eher an Zündkraft gewonnen, denn verloren. Es ist wohl mittlerweile jedem klar, dass eben nicht jeder Mensch ein Künstler ist. Zumindest nicht was die Profession der Bildfindung angeht.

 

Bilder, sofern sie Qualität haben, fordern uns zu etwas auf oder fordern uns in allgemeiner Hinsicht. Sie können uns auch zwingen uns mit den unangenehmen Aspekten der Existenz zu beschäftigen; nicht weil wir das wirklich wollten, geben wir diesem Zwang nach, sondern weil sie es auf eine Art und Weise tun, die dem Menschen sehr zuträglich und entgegenkommend ist: Sie tun dies in einer zuallererst übersichtlichen Art. Während unsere Gefühle und Gedanken von uns selbst permanent organisiert werden müssen, organisieren gute Bilder Essenzen des Universums für uns, bevor das Auge oder unser Verstand eingreifen könnten.

 

Bereits in der Vergangenheit nahm Dennis Loesch populärkulturelles Bildmaterial zur Vorlage, um es in sein eigenes Bildgebungssystem zu übersetzen.

Bei seinen “Memory-Sticks” wurden Dokumentationsphotos aus seinem digitalen Archiv auf Holzstäbe aufgezogen, um Daten Körperlichkeit zu verleihen.

Neben den jeweils zerschnittenen Centerfolds eines Playboy-Magazins, eines kunsthistorisch besonders relevanten Ed Ruscha Bildes oder dem kollektiv verinnerlichtem Emblem der BILD, hat Dennis Loesch bei der nun vorliegenden Ausstellung sich einer Funktion des allseits bekannten Bildbearbeitungprogramms Photoshop bedient, um zerfließende Farbfelder herzustellen und um schließlich dieses Bildwerkzeug als eigenständige Bildbasis zu verwenden. Die Farbfeldmalerei hat in der Moderne eine solide und lange Tradition, und ihre Beginne sind schwer auszumachen, da Gemälde unabhängig von ihrer Sujets, ihrer Allegorien oder Symbole, immer einen Farbfeldverlauf mitliefern.

 

Die Bewegung ging also von der Speicherung vorhandener, selbsterlebter Bilder auf den ersten “Memory-Sticks” hin zu allgemein zugänglichen Motiven aus Printmedien um dann, in der neuesten Serie, zu abstrakten Farben zu gelangen. Der Sinn des physischen Speichermediums dreht sich nun endgültig, denn die Farbverläufe haben bisher überhaupt keine Entsprechung in der realen Welt. Sie entstehen per Knopfdruck in der Software, es sind reine Daten mathematischer Funktionen.

 

Schließen wir die Augen vor der Sonne an einem schönen Sommertag, sehen wir nicht etwa Farben des Außen, sondern unser Auge reagiert geschlossenen Zustands und unmittelbar auf die Photonen, den physikalischen Vorgang, welchen man als Licht bezeichnet, und dies durch unsere Haut hindurch. Es ist aber in erster Linie unser Gehirn welches diese Farben herstellt. Der Mensch hat gelernt Zeit, Farben, Musik, und vieles mehr nebst unseren seelischen Vorgängen zu unterteilen und zu kategorisieren. Die Bilder der Ausstellung “Gradient” bringen allerdings neben den kräftigen Farben noch einen anderen Hebel an: den der Räumlichkeit. Sie zwingen uns das Gezeigte, beziehungsweise Aufgetragene, nicht nur als Bild wahrzunehmen, sondern auch als Raum. Nicht etwa als einen ungewissen Raum in unserer Vorstellung (siehe auch: James Turrell‘s Arbeit “Twilight Arch“ im MMK Frankfurt am Main), sondern vor allem als Teil des dreidimensionalen Raums selbst.

 

Raum kann gedehnt, geknickt, gebrochen, gewölbt und auch gebogen werden. Er kann verflüssigt, verdichtet oder auch nicht vorhanden sein. Dazu gehört immer die Zeit, und unter diesen zwei Regenten, oder mit ihnen, findet das Spiel der Farben und Formen Zugang in unsere Gehirne. Die Tätigkeit des menschlichen Gehirns wird von einer durchschnittlichen Spannung von etwa zehn Watt betrieben, was verglichen mit Computern und deren Leistungsfähigkeit eine unvorstellbare Effizienz darstellt. Was die Größenverhältnissen betrifft in etwa vergleichbar mit der Leistung unserer Sonne und der Energieleistung der Abermillionen anderen Sterne in unserer Milchstraße. Der Nachthimmel als singuläres Sujet hat wenig Präsenz in der Kunstgeschichte, hingegen in der Mythologie und Wissenschaft umso mehr, und das seit Jahrtausenden. Künstler wie Thomas Ruff, der eine Serie von Nachthimmeln in eine Ausstellung hängte, gehören zu jenen Künstlern, die die Welt außerhalb des ästhetischen Diskurses damit sinngemäß in den Fokus zurückzubringen versuchen.

 

Die Gitter, oder “Sticks” wie Dennis Loesch sie nennt, besitzen eine Legitimation, welche schwer in Frage zu stellen ist, oder besser: eine auratische Wirkung welche von mir als anwesendem Betrachter nicht geleugnet werden kann. Das zweidimensionale Bild verzahnt sich mit meiner räumlichen Daseinsform. Betrachten wir also den tatsächlichen Nachthimmel sehen wir keine Scheibe, kein Gewölbe, keinen Raum allgemein, wir sehen etwas vieldimensionales, nicht wirklich Benennbares. Die Rückwand unserer Schädeldecke ahnt die unglaubliche Unermesslichkeit, und unser räumliches Vorstellungsvermögen muss angesichts eines solchen Anblicks und dessen Information versagen. Im Hier und Jetzt betrachten wir nun etwas eher Fassbares, nämlich ein errechnetes Farbfeld, welches sich innerhalb eines exakt organisierten Produktionsprozesses an quadratische Aluminiumstäbe angepasst hat.

 

Als die Industrialisierung die Menschheit physisch ins All schickte und zuvor eine neue Gebäudeform auf der Oberfläche der Erde auftauchte, nämlich die Fabrik, tauchten auch neue Gedankenfelder in uns auf. Unsere Körper gewöhnten sich nicht nur an bedrückende Enge, an Metropolen, an elektrische Felder, sondern auch an neue Denkweisen.

Die Quantenmechanik sickert unterdessen langsam in das Bewusstsein der Menschheit, ebenso wie die Aufklärung oder das demokratische System und die Erklärung der Menschenrechte. Was auch immer davon ein ums andere Mal verschüttet und wiedergefunden wird, ändert nichts an den Regeln der Realität. Es gibt ihr aber den Anschein, viele verschiedene Öffnungen bereithalten zu können, um sie zu durchdringen.

 

In dem berühmten Horrorfilm “A Nightmare on Elm Street 3” erlebt einer der Protagonisten einen LSD-Trip welcher, wie tausendfach in der Popkultur, durch irisierende Farbfelder dargestellt wird. Diese Farbfelder verdeutlichen nichts anderes, als dass die Realität ein genauso fließendes und noch viel unbestimmbareres Etwas ist wie unsere Lebensläufe und deren seltsame Verknüpfungen.

 

Der von Apple eingeführte Bildschirmschoner “Plasma” sollte nie dazu dienen, wie früher den Bildschirm davor zu bewahren, dass sich bei längerer Untätigkeit ein Bild dauerhaft in die Bildröhre brennt, sondern er sollte vor allem unseren Nerven, unseren Geheimnissen, oder sogar der Maschine selbst eine Art Ruhe und Schutz gönnen. Und diese Ruhe liegt nicht etwa in der gitterartig angebrachten Unverückbarkeit des Faktischen, sondern in der Weite, die ein Gitter, ein rudimentäres Netz, ein komplexes Netz, oder ein unbestimmbares Fluidum unserem Verstand bieten. So wie die von Menschen gemachte Maschine über ihre feste Ordnung hinauswachsen möchte, so vermag der Mensch schon lange das Subtile in scheinbar Hartem zu erkennen.

 

Um ein Gefährt auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, würde man mit heutigen Antriebsmethoden mehr Materie/Energie benötigen als im gesamten bekannten Universum vorhanden ist. Wie fest oder unfest diese mathematische Formel auch immer sein mag; es ist tausendmal eleganter den Raum welchen man zu betreten oder mit jemandem zu teilen wünscht, zu sich oder zum anderen hin zu biegen.

 

Thomas Schroeren

 

 

Die Ausstellung “Gradient” ist die dritte Einzelausstellung von Dennis Loesch in der Galerie Niklas Schechinger Fine Art.

Er hatte sowohl europaweit als auch in den USA Einzelausstellungen und seine Werke sind unter anderem Teil der Sammlung des MoMa, New York und der DeKa Bank, Frankfurt am Main.